Die digitale Zerrissenheit junger Onliner

von Andrea Schombara und Franziska Scharch.

Der Wandel des Internets hin zum Massenmedium spiegelt sich in Deutschland auch in der Struktur seiner Nutzer wider. Während in der Anfangszeit des Internets vor allem junge, hoch gebildete Männer die neue digitale Technik nutzten, hat sich das Internet inzwischen in allen Generationen etabliert. In der Gruppe der 50– 59-Jährigen liegt die Online-Penetration aktuell bei 90 Prozent. Und auch die 60– 69-Jährigen kratzen mit 81 Prozent bereits am Durchschnittswert für die Gesamtbevölkerung (85 Prozent). Die Potenziale sind somit nahezu ausgeschöpft *.

Doch was bedeuten diese nüchternen Zahlen eigentlich für das Leben der Menschen, die sich im Internet bewegen? Hat uns die digitale Welt inzwischen so gleichmäßig durchdrungen, dass Generationsunterschiede verloren gegangen sind? Oder fügen sich digitale Medien unterschiedlich in die Lebenswelten der Digital Natives oder Silver Surfers ein? Antworten auf diese und andere Fragen liefert die Studie „Digitale Nutzung in Deutschland 2018“, die DCORE gemeinsam mit dem BVDW durchgeführt hat .

Die Lebenswelt junger Onliner im Alter von 14- bis 29 Jahren ist digital und sehr eng mit dem Internet verwoben. 65 Prozent der Zielgruppe sind „always on“, das Smartphone ein permanenter Begleiter (73 Prozent). Auch beim Konsum vertrauen sie auf die Empfehlungen anderer User und orientieren sich an “Influencern“, die ihre Fans digital an ihren mehr oder weniger realen Erfahrungen teilhaben lassen. Jeder Zweite wird auch selbst aktiv und gibt an, die Inhalte im Internet mitzugestalten, etwa als Teil einer Community oder in sozialen Netzwerken. Blickt man in die Zukunft, wird ihre Welt noch digitaler: Neuen Technologien wie Smart Home und Mobile Payment werden von dieser Zielgruppe hohe Potenziale zugeschrieben.

Gleichzeitig ist die Digitalisierung für junge Onliner stark mit negativen Gefühlen verbunden. Im Vergleich zu älteren Zielgruppen stehen sie der Digitalisierung des Alltags sogar besonders ablehnend gegenüber. Die zunehmende Technisierung und Automatisierung bereiten ihnen echte Sorgen, vermutlich getrieben von Ängsten bezüglich ihrer beruflichen Zukunft. Reale Kontakte haben auch für die meisten jungen Onliner eine höhere Qualität als Kontakte im Internet, dennoch ist die „Fear of missing out“ (FOMO) hoch. Junge Digital Natives können sich dem immerwährenden Sog des Digitalen kaum mehr entziehen, fühlen sich regelrecht abhängig: Jeder Zweite hat Probleme damit, „offline“ zu sein und für eine Zeit lang alle digitalen Geräte abzuschalten.

Diese Widersprüche von Denken und Handeln spiegeln sich auch im Umgang mit Datenschutzaspekten wider. Einerseits legen junge Onliner großen Wert auf vertrauenswürdige Inhalte. Zwei Drittel geben an, Anwendungen, die sie datenschutzrechtlich für bedenklich halten, nicht zu nutzen. Andererseits findet man gerade diese Gruppe fast vollständig bei Facebook, WhatsApp, YouTube und Co. – Plattformen, die wegen ihres Umgangs mit persönlichen Daten immer wieder in die Kritik geraten. Auch hier halten die Ansprüche der jungen Nutzer an ihr eigenes Verhalten der Realität nicht stand.

Ganz anders gestaltet sich das digitale Leben älterer Online-Nutzer. 60– 69-jährige Onliner nutzen digitale Medien sehr bewusst. Sie nehmen wahr, wann sie digital unterwegs sind – und wann nicht, nur 27 Prozent sind „always on“. Ältere Onliner kommen gut damit zurecht, eine Zeit lang offline zu sein. Auch ihre Angst, dadurch etwas im Web zu verpassen, ist weniger stark ausgeprägt. Für die allermeisten haben ohnehin Kontakte im echten Leben eine höhere Qualität als reine Online-Bekanntschaften. Nicht einmal jeder Vierte vertraut Online-Produktbewertungen mehr als Informationen aus dem stationären Handel. Nur 5 Prozent haben jemals ein Produkt aufgrund der Empfehlung eines Influencers erworben. Als aktive Mitgestalter des Internets bezeichnen sich gerade einmal 15 Prozent.

Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – stehen zwei Drittel der Onliner im Alter von 60 bis 69 Jahren der Digitalisierung positiv gegenüber. Zwar polarisieren die Themen Automatisierung und Technisierung auch in dieser Gruppe – sie bereiten älteren Nutzern aber deutlich weniger Sorgen als den jungen. Das mag mit der meist abgeschlossenen beruflichen Laufbahn und einem nicht mehr ganz so weit in die Zukunft gerichteten Blick auf das eigene Leben zu tun haben. Digitale Anwendungen dominieren das Leben der Älteren nicht, sondern sie durchziehen es wie ein fein gesponnenes Netz, an das man anknüpfen kann, aber nicht muss.

Auch beim Umgang mit dem Datenschutz ergeben sich für 60- 69-Jährige weniger Spannungsfelder. Sie legen großen Wert auf einen umsichtigen Umgang mit persönlichen Daten und verzichten (tatsächlich!) auf Anwendungen, die sie diesbezüglich nicht für sicher halten. Das korrespondiert mit einer eher verhaltenen Nutzung sozialer Netzwerke (64 Prozent). Facebook, Anfang des Jahres in einen großen Datenskandal mit Cambridge Analytica verwickelt, wird in dieser Gruppe nur von 57 Prozent genutzt.

Fazit: Auch ältere Zielgruppen haben inzwischen den Weg ins Internet gefunden, die Online-Raten der Altersgruppen gleichen sich mittlerweile an. Dennoch bestehen große Unterschiede hinsichtlich der Intensität der Beziehung und der Bedeutung, die digitale Medien im Leben der Menschen einnehmen. Der bewusste Umgang, vor allem aber die Kongruenz zwischen eigenem Anspruch, Erwartungshaltung und realem Handeln kennzeichnen die insgesamt entspannte Beziehung von 60- 69-jährigen Usern zu digitalen Medien. 14- 29-jährige Digital Natives hingegen sind mit dem Internet aufgewachsen und pflegen eine sehr intensive Beziehung zum Digitalen – eine Beziehung voller Widersprüche. Beim Versuch, Chancen und Risiken der Digitalisierung langfristig abzuschätzen, kommen ihnen immer wieder Zweifel. Sie haben ein starkes Bedürfnis, dem gefühlten Verlust von Entscheidungsfreiheit zu begegnen und die Kontrolle zurückzugewinnen. Die junge Generation muss einen Weg finden, ihre „digitale Zerrissenheit“ aufzulösen und selbstbestimmt neue Lebensentwürfe zu kreieren. Sonst bliebe ihr nur übrig, auf die Gelassenheit des Alter(n)s zu hoffen, während sich neue Generationen von Mediennutzern mit den nächsten tiefgreifenden Umwälzungen auseinandersetzen.

 

* Quelle: AGOF, Ø Juli – September 2018 [Basis: Gesamt, 16 Jahre und älter, 144.019 ungew. Fälle, 165.612 gew. Fälle, 69,34 Mio]